Für mich ist es wichtig, für Frauen zu kämpfen – in Syrien und hier in der Schweiz.
Ich war vier Monate im Gefängnis, zwei davon mit zwölf Frauen in einer sehr kleinen Zelle. Diese war nur 1,5 Meter mal 2 Meter gross. Die Frauen waren zwischen 13 und 86 Jahre alt – verschiedene Generationen und Probleme kamen dort zusammen. Ich bin eine sehr politische Frau. Viele andere aber kamen ins Gefängnis, weil das Regime die Männer oder die Söhne unter Druck setzen wollte.
Ich bin nicht religiös, meine Familie gehört zu den Drusen, deshalb hat das Regime mich als radikal eingeschätzt. Danach war ich in einem anderen Gefängnis mit 800 Frauen. Ich habe eine Geschichte aufgeschrieben, und dafür wurde ich in Einzelhaft gesteckt. Der Richter entschied dann, dass ich gegen das Regime sei.
Mit Amnesty in der Schweiz habe ich Theater gespielt, um darauf aufmerksam zu machen, was in Syrien mit Frauen geschieht. Wir haben dafür den Muttertag ausgesucht. Der Muttertag im Gefängnis war sehr schwierig – wir wussten nicht, ob unsere Töchter auch im Gefängnis waren. Ich hatte gehört, dass meine Tochter dort sei, und habe sie immer gesucht. Das war das Thema des Theaters.
Um in Freiheit zu kommen, habe ich falsche Papiere besorgt. Meine Familie in Kanada ist reich, sie hat dafür bezahlt. Mit diesen Papieren gingen meine Tochter und ich in den Libanon.
Da ich oft in Genf bei den Vereinten Nationen war – etwa für Konferenzen zur Situation der Frauen in Syrien – hatte ich ein Schweizer Visum. So konnte ich in der Schweiz Asyl beantragen. Mein Mann kam vor zwei Monaten nach, mit einem anderen Visum.
Ich habe sehr viele schwere Erinnerungen. Im Libanon habe ich als Kind den ersten Krieg erlebt, später dann den zweiten. Ich frage mich immer: Was muss passieren, damit ich nicht mehr kämpfen muss? Wenn ich in Pension bin, will ich nicht mehr kämpfen.
Aber es ist nicht einfach. Jetzt zum Beispiel in Syrien – der Diktator ist weg, aber wer kommt danach? Wenn ich denke, ich könnte jetzt nach Syrien gehen, gibt mir das Hoffnung. Aber mit einem radikal-islamischen Regime habe ich Angst, weil ich keine Religion habe.
Ich bin jetzt 57 Jahre alt. In sieben Jahren gehe ich in Pension. Wenn ich jetzt nach Syrien zurückginge, würde ich keine Pension bekommen. Dort hätte ich keine Pension und keine Arbeit – obwohl ich mehr als 20 Jahre dort gearbeitet habe. Das Regime hat alles gelöscht. Was würde ich also in Syrien machen?
Deshalb muss ich hier in der Schweiz bleiben. Mein Körper ist hier, aber mein Geist ist immer in Syrien. Frauen in Syrien sagen mir: «Du bist doch in der Schweiz, wir sind in Syrien.» Das ist nicht einfach.
Amal Naser
