Ich heisse Andrea. Ich habe mal einem Kollegen erzählt, dass ich nach Bern gehe, um für die Rechte von Behinderten zu demonstrieren.

Er war ganz erstaunt und sagte: «Du weisst ja, ich bin ja sehr sozial. Aber was wollt ihr denn noch? Wollt ihr auf das Matterhorn gehen?» – «Nein», antwortete ich, «auf das Matterhorn muss ich nicht, aber wir wollen überall auf das WC gehen.»

Einer meiner schlimmsten Erlebnisse war, als ich mal wieder mit meinem Verein unterwegs war. Ich bin es gewohnt, immer vorher abzuklären, wie ich als Rollstuhlfahrerin überhaupt zu den Lokalitäten komme und ob es überhaupt barrierefreie WCs hat.

Dann gab es einen dieser Anlässe in einer Turnhalle. Ich hatte mich extra vorher bei dem Organisationskomitee erkundigt, wo es barrierefreie Toiletten hat. Und dann musste ich auf Toilette.

Die barrierefreie Toilette war verdächtig lange besetzt und auf rot. Eine Helferin in der Turnhalle organisierte die Schlüssel. Und ein Kollege bekam dann mit zwei Schlüsseln das WC endlich auf. Dem Kollegen fiel der Unterkiefer raus und er sagte entsetzt zu mir: «Da steht eine Putzmaschine drin.»

In diesem Moment kam der Hauswart vorbei. Ich fragte ganz naiv: «Kann ich ein Foto machen? Ich schaue auch, dass niemand auf dem Bild ist.» Der Hauswart antwortete schnippisch: «Nein. Du fährst jetzt sofort. Sonst schickst du mir diese ganzen beschissenen Behindertenorganisationen auf den Hals.» Die Toilette wurde dann geputzt für mich, und ich war dann dort auf Toilette.

Ich war wütend und traurig und habe mich entschieden, bei dem nächsten Anlass in das Organisationskomitee zu gehen. Mich in dem Komitee zu engagieren, mache ich eigentlich gerne, und gleichzeitig mache ich das in meiner Freizeit und fühle mich eigentlich nicht verantwortlich.

Wieso müssen wir Rollstuhlfahrer:innen uns immer wieder für die grundlegendsten Rechte einsetzen? Das sollte nicht unsere Verantwortung sein, sicherzustellen, dass es überall barrierefreie Toiletten hat. Es kostet uns so viel Energie – der Mehrheit der Fussgänger:innen ist sich dessen wohl selten bewusst, was es für uns heisst.

Mich verletzt das nach wie vor sehr, weil es ja nur darum geht, auf die Toilette gehen zu können. Der Rollstuhl ist nicht das Problem. Wir Rollstuhlfahrer:innen haben gelernt oder lernen müssen, uns anzupassen und die Lösungen zu bringen. Und ich denke, viele von uns sind sehr kreativ mit unseren Lösungen geworden.

Aber wir müssen auch lernen zu sagen: «Nein. Ich bin es leid, euch die Lösungen zu offerieren, sondern ihr müsst auch das Problem erkennen, mitmachen und uns mitdenken.»

Und die Mehrheit der Gesellschaft muss endlich verstehen: Wir nehmen keinem Fussgänger:innen irgendetwas weg – von einer Rampe oder barrierefreien Toilette können alle nur profitieren. Vor allem dann, wenn wir älter werden und das Treppensteigen mühsam wird. Da werden alle früher oder später mit unnötigen Barrieren konfrontiert werden.

Wenn das endlich Konsens wäre, müssten wir auch nicht ständig dieses Kostenargument für Inklusion diskutieren.