Mich beschäftigt im Moment sehr die Polarisierung der Gesellschaft. Ich beobachte, dass man seit Corona ganz schnell schubladisiert wird. Entweder du impfst dich, machst mit, oder du impfst dich nicht, du machst nicht mit. Es ist immer schwarz-weiss. Und je nachdem, auf welcher Seite man ist, ist man weiss oder schwarz. Es ist unmöglich zu sagen: «Ja, ich bin mir nicht ganz sicher, ob das gut ist, weil …», und dann bringt man Argument XY. Stattdessen fühlt man sich direkt gedrängt, sofort eine klare Meinung zu haben.
Bei Corona war das ganz krass. Da wurden Familien richtig auseinandergezerrt, weil die einen geimpft waren und die anderen nicht. Eine differenzierte Meinung zu äussern, war unmöglich. Man musste entweder Ja oder Nein zur Impfung sagen. Jetzt überträgt sich diese Schubladisierung auch auf andere Themen, und diese Polarisierung spitzt sich zu.
Entweder man ist links, und dann muss man alle «linken Themen» gut finden. Es ist sehr schwierig geworden, eine perspektivische Mitte zu vertreten. Auch beim Thema «vegan» werden Menschen sofort in eine Ecke gedrängt. Es ist nicht mehr möglich, über Gründe zu sprechen, warum jemand Fleisch isst, oder Argumente zum Umweltschutz oder zur Tierhaltung auszutauschen. Differenzierte Haltungen vertreten oder diskutieren muss doch möglich sein.
Das Gleiche beim Thema «Naher Osten»: Entweder du bist pro-Israel oder pro-Palästina. Wer sich kritisch gegenüber Israel äussert, ist Antisemit. Oder beim Krieg Russland–Ukraine: Wer sich kritisch gegenüber der Ukraine äussert, wird als pro-russisch abgestempelt.
Wieso können wir als Gesellschaft nicht einfach cool bleiben und sagen: Wir können vegan sein und trotzdem Verständnis haben, wenn jemand Fleisch isst. Man kann die Siedlungspolitik Israels scharf kritisieren, ohne ein Antisemit zu sein. Warum können wir nicht akzeptieren, dass Impfskeptiker:innen nicht gleich Verschwörungstheoretiker sind?
Ich finde, die Meinungsfreiheit ist total in Gefahr. Sie ist in Gefahr, weil es nicht mehr möglich ist, zu vielen wichtigen und heissen Themen wie Corona oder Nahost eine differenzierte Meinung zu haben. Das finde ich sehr ärgerlich und besorgniserregend, vor allem auch als Mutter sehe ich das als eine gefährliche Entwicklung für meine Kinder.
Wir sollten einfach die Argumente der Leute anhören – egal, welches Thema es ist. Auch wenn es noch so brisant ist. Es muss doch vor allem im Freundeskreis oder in der Familie möglich sein, ganz unterschiedlichen Argumenten zuzuhören. Und es kann doch nicht sein, dass das sofort ausartet mit diesen einseitigen und schnellen Zuschreibungen.
Wieso können wir nicht mehr offen diskutieren, ohne sofort jemanden abzustempeln und zu schubladisieren?
Es muss doch möglich sein, dass wir als Gesellschaft wieder lernen, verschiedenen Meinungen zuzuhören. Nur das wird uns als Gesellschaft weiterbringen.
Barbara Hosch
