Ich bin Fabienne Mathis, 33, heute Co-Leitung des Kleintheaters Luzern. 2020 hatte ich gerade frisch eine neue Anstellung begonnen, nachdem ich fast ein Dreivierteljahr auf Arbeitssuche gewesen war – eine sehr belastende Zeit. Ich hatte gerade all meine Ausbildungen abgeschlossen und war voller Energie, um in die Arbeitswelt einzusteigen. Doch das hat leider nicht auf Anhieb geklappt.
Umso grösser war die Freude über die Anstellung im Kulturbereich – und umso grösser auch der Frust, als ich mein Engagement schon kurz nach dem Start wieder zurückfahren musste, weil der Kulturbereich aufgrund der Pandemie heruntergefahren wurde. Ich konnte zwar meinen Job behalten, hatte aber plötzlich kaum noch etwas zu tun.
Ich ging viel spazieren und habe versucht, körperlich in Bewegung zu bleiben, um trotz der Einschränkungen von aussen in guter Stimmung zu bleiben. Ich bin jemand, der gerne aktiv ist – deshalb war es schwierig, plötzlich so ausgebremst zu werden. Gleichzeitig begann ich, mich zu informieren: Was könnte ich sonst machen?
Da der Kulturbereich auf absehbare Zeit nicht wieder in vollem Umfang funktionieren würde, schaute ich nach einer Weiterbildung. Ich hatte die Chance, neben meiner Anstellung ein Studium an der Zürcher Hochschule der Künste im Bereich Theater und Dramaturgie zu beginnen. Das war für mich ein Türöffner – ich konnte ganz neue Dinge entdecken, über die ich vorher nie nachgedacht hatte.
Schicksalshaft war, dass wir uns im Studium mit neuen Formaten auseinandersetzen mussten – vor allem mit digitalen Projekten. Ich begann, mich extrem dafür zu interessieren, wollte herausfinden, wie und wo solche Formate in der Schweiz stattfinden. Aber zur Jahreswende 2020/21 gab es noch kaum etwas in diesem Bereich.
Gleichzeitig wurden grosszügige Fördergelder für Transformationsprojekte ausgeschrieben – ein perfekter Moment für mich. Ich sah das als Spielfeld, als weisses Blatt Papier, um zu überlegen, was alles zu einem digitalen Theaterbetrieb gehören könnte: betriebliche Strategien, Programmpunkte, Mitarbeitende. Mit dieser vagen Idee ging ich auf die damalige Leitung des Kleintheaters zu, wo ich vorher schon ein Praktikum gemacht hatte. Beim Erstgespräch erhielt ich grosses Vertrauen, meine Idee umzusetzen.
Ich reichte ein Projekt im Mandat fürs Kleintheater ein – mit Erfolg. Zuvor hatte ich viele Referenzen aus dem Ausland angeschaut, besonders aus Deutschland, denn in der Schweiz gab es noch nichts Vergleichbares. Auch die Förderseite zeigte sich offen, etwas völlig Neues zu wagen.
Ich habe früh begonnen, viele Leute einzubeziehen – etwa die Forschungsgruppe an der Hochschule, Künstler:innen, Kolleg:innen. Wir haben breit überlegt: Was gibt es schon? Was interessiert uns? Was wollen wir wirklich umsetzen, und worauf haben wir nachhaltig Lust?
So kam es zur ersten Durchführung einer digitalen Saison 2022. Danach folgte ein zweites Transformationsprojekt im Jahr 2023. Diese beiden Jahre reichten, um den Bereich Digitalität auf unterschiedlichsten Ebenen im Betrieb zu verankern. Wir konnten experimentieren: Was ist Vision – und was ist tatsächlich machbar?
Die Art der Förderung war entscheidend, denn im Kulturbereich wird sonst meist projektbezogen gedacht. Damit konnten wir ganze Betriebsstrategien neu denken – ein Freiraum, den wir uns als Kleintheater ohne Rücklagen nie hätten leisten können. Erst die Krise hat das möglich gemacht.
Heute sind digitale Formate fest im Spielplan integriert. Wir führen Vermittlungsprojekte an Schulen durch, arbeiten mit Virtual-Reality-Brillen und kooperieren mit der Hochschule Luzern: Im Sommer 2025 bereits die dritte Forschungszusammenarbeit.
Aus dem pandemiebedingten Stillstand des Bühnengeschehens ist etwas völlig Neues entstanden – etwas, das wir uns vorher nie hätten vorstellen können. Für uns war das eine wichtige Entwicklung: zu erkennen, wie wir uns künftig im Bereich Digitalisierung bewegen wollen, um weiterhin relevant zu bleiben.
Für mich persönlich war die Projektleitung mit sehr viel Vertrauen verbunden, von meinen damaligen Vorgesetzten und allen Beteiligten. Das hat mich motiviert, breit zu denken und Neues auszuprobieren. Ich hatte nie das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen – gerade weil auf anderen Ebenen vieles so aussichtslos wirkte.
Eine gewisse Verzweiflung in der Szene hat paradoxerweise dazu geführt, dass wir freier denken konnten. Aus einem Moment des Stillstands, der Langeweile und Unsicherheit ist bei mir beruflich etwas völlig Neues entstanden, das ich nie habe kommen sehen.
Heute bin ich Co-Leitung des Kleintheaters Luzern – ein Weg, der ohne die Krise vermutlich nicht möglich gewesen wäre.
Fabienne Mathis
