Seit ich auf der Welt bin und denken kann, ist Krise. Während der Primarschule war ich das erste Mal mit der Klimakrise konfrontiert. Greta Thunberg hat die Klimakrise auf die Agenda gesetzt und es war wohl das erste Mal, dass ich davon hörte.
Gleichzeitig wurde ich auch früh mit gesellschaftlicher Diskiminierung konfrontiert. Ich war durchaus auch diskriminierend unterwegs, einfach weil ich in einer bestimmten Gesellschaft und mit sehr privilegierten Eltern aufgewachsen bin. Meine Eltern werden weiss gelesen, sind Schweizer, sind cis und hetero. Beide sind privilegiert und haben immer ein stabiles Einkommen gehabt. Mein Vater war immer in einer Führungsposition und meine Mutter arbeitet im Spital. Wir haben ein Haus, und Existenzangst oder materielle Not hat es bei uns so nie gegeben. Meine Eltern waren nie von Kurzarbeit betroffen. Während der Coronakrise haben beide eher mehr als weniger gearbeitet.
Ich habe Zugang zu einem sehr hohen Bildungssystem. Ich habe keine Probleme an der Kanti (Gymnasium). Ich brauche keine Nachhilfe, ich gebe Nachhilfe. Ich mache relativ viel an der Schule mit links, und ich bin kein Linkshänder.
Ich bin also extrem privilegiert und gleichzeitig erfahre ich fast alltäglich Diskriminierung. Ich bin trans und offen queer. Das bietet für viele eine offene Angriffsfläche. Dabei sollte ich das doch einfach leben dürfen. Und ich habe ADHS, also eine Neurodivergenz, und es besteht bei mir Verdacht auf Autismus. Und das Bildungssystem ist nicht auf Menschen wie mich ausgerichtet.
Was für viele nicht Betroffene kleine Hindernisse im Lernen und Verstehen sein mögen, sind für mich oft grosse Herausforderungen. Wenn andere vorwärtslaufen, denke ich rückwärts. Und ja, ich habe einen Umgang damit gefunden. Aber es war wahnsinnig anstrengend für mich. Ich habe mit 12-13 Jahren festgestellt, dass ich anders ticke als andere und habe mich früh zu Fragen von Neurodivergenz eingelesen. Ich bin dann eigenständig zu meinen Eltern, um einen Arzttermin und damit auch eine Diagnose zu organisieren. Und es war ein ziemlicher Kampf und nach einem Jahr hatte ich dann endlich einen Termin und eine Diagnose.
Von einem sozialen Umfeld wurde die Diagnose ziemlich heruntergespielt , weil ich ja so intelligent sei und trotzdem alles schaffe. Meine eigene Diagnose hat mich auch mit den geschlechtsspezifischen Dimensionen der Medizin konfrontiert, und wie viele Krankheitsbilder immer noch an dem Mann als der Norm erforscht werden. Auch bei meiner Regelblutung und meinen starken Schmerzen ist mir aufgefallen, dass wir als Gesellschaft mit weiblicher Gesundheit anders umgehen als mit männlicher. Ich habe mich aufgrund meiner eigenen Regelschmerzen dann auch mit Endometriose beschäftigt. Entsetzt habe ich auch da festgestellt, wie weit es eben gerade bei der Frauengesundheit bzw. Gesundheit bei menstruierenden Personen immer noch strukturelle Benachteiligung und Diskriminierung in der Schweiz gibt.
Diese Fragen der strukturellen Ungleichheit und Diskriminierung haben mich dann auch zu den Jungen Grünen gebracht. Ich finde, dass wir in der Schweiz immer noch ein grosses Problem mit Sexismus haben. “Die hat die Stelle ja nur bekommen, weil sie eine Frau ist, also eine Quotenschlampe”. So Kommentare habe ich durchaus öfter gehört. In meinem Freundes- und Bekanntenkreis, aber auch bei meiner eigenen Familie, waren es die Frauen bzw. die Mütter, die nach der Geburt der Kinder beruflich und sozial eingeschränkt waren und neu organisieren mussten, während die Väter weiter Karriere gemacht haben.
Fynn R. Luzern
