Ich hatte gerade frisch mit meinem Studium begonnen. Es war ein duales Studium. Das heisst, ich habe Ausbildung und Studium gleichzeitig gemacht.

Der berufliche Alltag war toll – und dann kam Corona.

Der Betrieb zahlte fürs Studium und gab uns deshalb Aufgaben, damit wir weiterhin regelmässig hingehen konnten. So haben wir zum Beispiel eine App für die Mitglieder entwickelt. Dafür brauchte es Bilder. Da es ein Premium-Fitnessclub war, haben wir Übungen nachgestellt. Sie wollten mich als Beispiel nehmen, weil ich sehr beweglich war.

Eine dieser Übungen war, die Wirbelsäule Wirbel für Wirbel aufzurollen. Auf einem Foto habe ich das nicht perfekt gemacht. Mein sportlicher Leiter – deutlich älter als ich – stellte sich hinter mich. Ich war im Vierfüsslerstand. Im Raum sassen mehrere Männer, einer mit Kamera. Der sportliche Leiter tat plötzlich so, als würde er mich in dieser Position sexuell von hinten nehmen. Das wurde auf Fotos und Videos festgehalten. Ich selbst habe es nicht realisiert, da ich nach vorne schaute. Plötzlich lachten alle.

Für mich war das sehr belastend. Ich war im ersten Jahr des Studiums, erst 20 Jahre alt, kannte die Leute kaum. Ich wusste überhaupt nicht, wie ich reagieren sollte. Es war ja auch mein Vorgesetzter. Danach fühlte ich mich tagelang eklig, als wäre ich selbst schuld, weil ich nicht zurückgeschaut hatte. Ich bat darum, dass die Fotos gelöscht werden. Aber im Kopf blieb das Bild bestehen: der über 30-jährige Mann hinter der jungen Studentin.

Nach einiger Zeit habe ich mich Kolleginnen gegenüber geöffnet. Es sprach sich herum, bis eine von ihnen zum Geschäftsführer ging. Der Geschäftsführer rief mich im Urlaub an. Er wollte sich entschuldigen, aber eigentlich bat er nur um Verständnis. Er meinte, der Kollege sei in einer schwierigen Phase gewesen, es sei Corona gewesen, da komme man halt mal auf dumme Ideen.

Ich wandte mich dann an den stellvertretenden Clubleiter, der mich eingestellt hatte. Er war im gleichen Alter wie der Kollege und auch sein bester Freund. Ich sagte, ich wolle keine gemeinsame Schicht mehr mit ihm. Seine Antwort: „Er hat sich ja entschuldigt, was erwartest du noch?“ Ich fühlte mich überhaupt nicht verstanden.

Im Betrieb gab es ständig anzügliche Witze. Als Beispiel: Unser sportlicher Leiter erklärte konkav und konvex mit dem Spruch: „Hatte das Mädchen Sex, wird der Bauch konvex, war sie brav, bleibt er konkav.“ Ich bat mehrfach, solche Witze in meiner Anwesenheit zu unterlassen. Seine Reaktion: „Dann halte doch mal einen Vortrag über Feminismus, wir hören dir zu.“

Auch mein Chef selbst machte mir gegenüber ständig Bemerkungen. Er verfolgte mein Instagram und sprach Dinge aus meinem Privatleben an. Er sagte Sätze wie: „Du bist ja eine hübsche junge Frau und intelligent.“ Ich zeigte deutlich, dass es mir unangenehm war, aber er bemerkte es nicht oder wollte es nicht merken.

Einmal schlug er mir mit einem Handtuch auf den Hintern, nachdem er angeblich Proteinpulver bemerkt hatte. Ich war wie versteinert. Eine Kollegin sah es und war genauso schockiert. Aber es passierte nichts. Für mich war klar: Er nutzte meine Jugend und Unsicherheit aus.

Die Situation belastete mich so stark, dass ich körperliche Beschwerden bekam. Ich kündigte schliesslich. Beim Abschiedsgespräch sagte ich meinem Chef offen, was ich von ihm hielt, und dass ich keiner Frau wünsche, in seinem Betrieb arbeiten zu müssen. Das war für mich ein befreiendes Gefühl.

Im Nachhinein erfuhr ich auch von Frauen, die in anderen Fitnessclubs in ähnlichen Situationen waren. Eine Bekannte erzählte mir, dass ein Mitarbeiter sie im Umkleideraum eingeschlossen und versucht hatte, sie zu vergewaltigen. Niemand glaubte ihr, weil der Mann seit 30 Jahren im Betrieb war und nach aussen als „der Nette“ galt.

In meinem Fall wussten es alle und fanden es lustig. In ihrem Fall glaubte niemand, dass es passiert war. Sie hatte für den Job sechs Stunden entfernt gewohnt, musste alles aufgeben und zurück ins Elternhaus ziehen, bevor sie wieder eine Arbeit fand.

Wir müssen anfangen, auch die Männer zu hinterfragen, die nach aussen so nett wirken. Viele Frauen schweigen, weil ihnen nicht geglaubt wird.

Tatsächlich haben nach mir noch vier weitere Kolleginnen gekündigt. Eine davon wurde vom Chef unsittlich angefasst und kündigte deswegen. Trotzdem gab es für ihn nie Konsequenzen. Er verkaufte das Unternehmen sogar noch gewinnbringend, kurz vor der Pension.

Ich denke, es braucht eine unabhängige Interventionsstelle, an die man sich wenden kann, auch wenn es gegen einen Geschäftsführer oder Gesellschafter geht. Frauen müssen wissen, dass ihnen geglaubt wird, dass nicht alles hinterfragt wird und dass Männer ernsthafte Konsequenzen spüren. Wenn es so eine Stelle gäbe, würden sich sicher mehr Frauen trauen, sich zu äussern.

Damals hat man mir eingeredet, ich verstünde keinen Spass. Aber es ist nicht in Ordnung, dass immer wieder solche Situationen passieren. Heute weiss ich: Es war nicht meine Schuld. Ich habe gelernt, mir nichts mehr gefallen zu lassen – egal ob von Chefs, Kollegen oder Kunden.

Frau aus Luzern