Ich befasse mich beruflich mit Kriegen und Konflikten und interessiere mich sehr dafür. Oft schaffe ich es, die nötige emotionale Distanz zu halten. Bei Kriegen, in denen eine Seite diesen unbedingt will und alles tut und herbei lügt, um ihn zu bekommen, finde ich es schwierig, Distanz zu halten. Beispiele sind der US-Einmarsch in den Irak, die russische Invasion der Ukraine und der Genozid in Gaza. George W. Busch ist Putin ist Netanjahu.
In solchen Fällen erhält die betroffene Bevölkerung vor meinem inneren Auge ein Ablaufdatum – wie eine Packung Fleisch in der Migros. Gesunde Menschen mit Träumen, Wünschen, ihrer speziellen Art zu gehen, mit Gefühlen, Liebe, Hobbys, Kreativität und einer Traumwelt, in die sie sich flüchten – all das existiert noch bis zum Ablaufdatum, bevor es gelöscht wird. Das finde ich schwierig auszuhalten.
Seit den frühen 2000ern verfolge ich den Krieg im Nahen Osten. Zuerst vor allem aus Interesse an Israel. Mit der Zeit lernte ich die andere Seite kennen und konnte mir Wissen aneignen. Selber war ich nie in diesen Ländern, aber ich habe viel gelesen und mich auch vertieft mit dem Holocaust beschäftigt. Das war wichtig, um nicht auf die im Westen so verbreiteten, billigen Genozidrechtfertigungen reinzufallen.
Weil Gaza ständig in den Medien ist, kann ich mich nur schwer davon lösen. Der Nahe Osten war zwar immer präsent, doch was jetzt passiert, ist der bestdokumentierte Genozid aller Zeiten. Das hängt auch damit zusammen, dass die israelischen Regierungen in den letzten Jahrzehnten immer rechtsextremer wurden und die Lügen und Gründe immer billiger wurden. Das Problem ist, dass ich mich gegen diese Bilder oft nicht schützen kann – vor allem, wenn ich müde bin. Der Überfall der Hamas hat mich stark belastet: Die verbrannten Autos, wo klar war, dass Menschen auf der Flucht getötet wurden. Die Technoparty, bei der es wahrscheinlich nicht diejenigen traf, die den Krieg ausweiten wollen.
Beim Einschlafen, wenn die mentalen Schutzschilder unten sind, beschäftigt mich das sehr. Ich stelle mir vor, wie es ist, um das eigene Leben zu rennen oder in einem bombardierten Haus zu sterben. Für die meisten Menschen, die den Genozid befürworten, fällt eine Bombe und die getroffenen Leute sind tot. Kollateralschäden, Pech gehabt, nicht Israels Fehler. Das Auslöschen einer eingesperrten Zivilbevölkerung mit Flugzeugbomben und weissem Phosphor? Verteidigung! Selber Schuld. Und da fragt man sich, wie das im Zweiten Weltkrieg passieren konnte.
Leute fragen mich, warum ich auf den Nahostkonflikt so empfindlich reagiere. Ich weiss, dass auch im Sudan extreme Grausamkeit herrscht, die Rohingya in ihren Dörfern lebendig verbrannt werden und der Genozid an den Uiguren im Verborgenen geschieht. Warum fällt es mir hier einfacher zu abstrahieren?
Vermutlich auch deshalb, weil ich aus diesen Kriegen weniger Bilder sehe und die Kontexte weniger kenne. Der Hauptgrund aber ist, dass westliche Länder dort zu Frieden aufrufen und über Menschenrechte reden. Ich habe keine Illusionen, dass sie das wirklich interessiert, aber sie tun wenigstens so und kritisieren die Kriegsverbrechen.
Im Nahen Osten aber unterstützen sie den Genozid offen. Deutschland – in dem die letzte Regierung noch von Feministischer Aussenpolitik gesprochen hatte – unterstützt mit Waffen und mit starker Zensur nach innen. Es hat Leute trotz gültigem Aufenthalt ausgeschafft, die einfach nur gegen den Krieg und für Palästina demonstriert haben.
Sie reden immer noch von Menschenrechten, aber zensieren sogar jüdische Menschen, die sich gegen Israels Taten aussprechen. Deutsche Politiker beschimpften genozidkritische jüdische Menschen, die im Holocaust selber Familien verloren haben, als Antisemiten. Nichts haben sie aus dem Holocaust gelernt, sie versuchen sich von der Schuld freizukaufen, indem sie Israels Genozid politisch und mit Waffen unterstützen. Von einer solchen Schuld kann man sich aber nicht freikaufen, und Genozid multipliziert mit Genozid ergibt nicht Vergebung.
Die Schweiz auch. Sie redet von Menschenrechten, von Demokratie, aber wehrt sich gegen einen Waffenstopp. Sie nimmt massiv Einfluss auf die Universitäten und verhindert Demonstrationen gegen den Genozid. Politiker:innen entsenden Polizist:innen, um Proteste gegen Genozid zu verhindern. Sie unterstützen den Genozid damit also aktiv mit.
Palästinenser:innen erleben jeden Tag Gewalt. Israelische Siedler werden unterstützt, Israel entführt Menschen, tötet Fotografen mit ihren Familien, verbrennt Zeltlager inklusive den Bewohner:innen. Wenn dann Freunde von mir diese Taten noch entschuldigen, wird es für mich unerträglich. Sind sie nur schlecht informiert – oder finden sie es wirklich gut? In dem Moment frage ich mich, ob Freundschaft überhaupt noch möglich ist. Will ich mit Menschen, die einen Genozid nicht nur verleugnen, sondern argumentativ unterstützen, noch etwas zu tun haben? Ist eine Freundschaft so viel wert, dass menschenverachtende Einstellungen Platz haben? Eher nicht.
Mit ehemaligen Mitstudierenden hatte ich seit dem Ukrainekrieg einen Whatsapp-Chat über Politik. Sobald es um Gaza ging, wurde geschwiegen oder heruntergespielt – und das von Politologen, die es wissen müssten!!! Dieselben Leute, die Russlands Taten in der Ukraine scharf verurteilt haben, schweigen nun oder bringen Ausreden. Da fällt es mir schwer, Respekt zu haben. Den Chat habe ich inzwischen verlassen und gelöscht.
Ich bin mir bewusst, dass ich damit ein Beispiel bin für die politische Spaltung, die wir seit Corona haben. Manchmal denke ich, vielleicht bin ich zu empfindlich. Andererseits finde ich, nein. Genozid ist unter keinen Umständen zu rechtfertigen!!!
Wenn ein Mann eine Frau missbraucht, sind es in der Regel Männer, die selten Opfer, aber häufig Täter sind, die die Tat verteidigen oder kleinreden. Frauen, die häufig Opfer sind, schreien auf und schützen das Opfer, denn sie wissen, wie es sich anfühlt. Geopolitisch ist es ähnlich – Menschen und Länder, die unter Kolonialismus oder Genozid litten, sagen klar, dass in Gaza ein Genozid stattfindet.
Verteidigen oder kleinreden tun es diejenigen Länder, die entweder kolonialisiert oder Genozide durchgeführt haben. Die einzigen ehemaligen Kolonien, welche auch die Täterperspektive annehmen, sind diejenigen, bei denen die indigene Bevölkerung fast oder ganz vernichtet wurde und in denen die Nachkommen der Täter leben.
Irgendwann wird man den Genozid in Gaza auch so benennen. Dann werden viele sagen, sie hätten nichts gewusst – wie die Schweiz damals bei der Abweisung jüdischer Flüchtlinge während dem Holocaust. Bullshit. Ich versuche mich inzwischen von der Berichterstattung über den Genozid fernzuhalten und meine Kontakte zu Genozidleugnern und -unterstützerinnen zu minimieren.
