Ich bin müde, sensibilisieren zu müssen. Ich habe eine offensichtliche körperliche Einschränkung, die man sieht. Was ich in der Gesellschaft wahrnehme, ist, dass ich genau auf dieses Merkmal reduziert werde. Je nach Tagesform kann ich das mal besser, mal weniger gut wegstecken.
Bei Kindern mache ich eine klare Ausnahme. Sie dürfen alles: sie dürfen auf mich zeigen, mich anfassen, mich fragen. Bei Kindern ist das für mich kein Problem, das ist kindliche Neugier, und da gebe ich gerne Auskunft. Bei Erwachsenen, die hoffentlich reflektierter sind, ärgert es mich aber, wenn ich merke, dass sie tuscheln, mich anstarren oder davon ausgehen, dass ich – nur weil ich im Rollstuhl bin – geistig nicht auf der Höhe bin. Dass ich dumm bin, nichts kann, niemand bin. Das macht mich wütend.
Trotzdem bin ich nicht verbittert. So würde ich das nicht sagen. Ich bin differenzierter geworden, was die Gesellschaft und das Menschenbild betrifft. Ich kann nicht mehr alles einfach abnicken, sondern provoziere auch gerne. Wenn ich seltsam angesprochen werde, habe ich im Moment die Haltung, zurückzugeben – mit einem Spruch, mit Kontra, indem ich zeige: „Das, was du mir gerade gesagt hast, ist sehr verletzend, doof und genauso blöd. Du würdest auch nicht wollen, dass man dich so behandelt.“ So schlage ich ein Stück weit mit derselben Waffe zurück.
Das ist eine Strategie. Die andere ist Humor. Oft ziehe ich erlebte Situationen ins Lächerliche. Sonst könnte ich mit vielem gar nicht umgehen. Das ist für mich auch eine Art, mich abzugrenzen und mich an der Dummheit der Gesellschaft aufzuheitern, weil es sonst nicht tragbar wäre.
Was ich daraus gelernt habe und mich zu dem gemacht, was ich heute bin: Ich bin dadurch schon als Kind sehr empathisch geworden. Ich spüre Stimmungen von Menschen sehr schnell, kann soziale Situationen sofort einschätzen und wie mir Menschen gesinnt sind. Ich weiss, ob jemand mir Böses will oder nicht. Ich habe mich selbst dabei gut kennengelernt. Ich kenne meine Grenzen sehr gut und verteidige sie auch. Wenn jemand zu weit geht, kommt von mir ungefiltert eine klare Reaktion. Grundsätzlich bin ich ein friedliebender Mensch, aber ich will meine Werte wahren und zu mir stehen können.
So erkämpfe ich mir den Wert zurück, den mir die Gesellschaft nimmt, wenn sie mich als Menschen mit Behinderung als als nichts oder wenig wert betrachtet. Diesen Wert will ich mir zurückerobern – nicht nur für mich, sondern auch stellvertretend für die ganze Community. Ich sage damit: Wir gehören genauso ins Zentrum der Gesellschaft. Wir gehören genauso dazu. Behinderung ist für mich kein Defizit, wie oft behauptet wird, sondern Teil der Vielfalt. Sie ist ein Merkmal, aber sie macht mich als Person nicht aus. Sie gehört zu mir, aber sie ist nicht alles.
Für die Zukunft wünsche ich mir, dass die Gesellschaft das annimmt. Menschen dürfen gerne fragen, warum ich im Rollstuhl bin, oder nach meiner Biographie. Diese Neugier müssen Menschen nicht zurückhalten. Aber ich wünsche mir, dass auch gefragt wird: „Was bist du sonst noch?” “Was sind deine Wünsche?” “Deine Stärken?” “Deine Ängste?” “Wer bist du als Mensch?“
Denn genau das ist es, was in unserer Gesellschaft zu oft verloren geht: die Menschlichkeit. Die will ich zurück, dafür kämpfe ich.
Vanessa
