Ich bin Jahn, 35, seit Geburt mit einer Behinderung unterwegs und sitze im Rollstuhl. Ich sehe mich als Moderator, Podcaster und Aktivist für Inklusionsthemen – das ist auch mein Wesen.
Es ist eine gesellschaftliche Krise, dass Menschen mit Behinderung immer noch nicht in den ersten Arbeitsmarkt einbezogen werden – trotz Fachkräftemangel.
Im April 2024 hat mich eine Marketingfirma eingeladen, um über die Arbeitsintegration von Menschen mit Behinderung zu sprechen. Ein Podium mit Wirtschaftsleuten sollte auf das Thema aufmerksam machen, aufzeigen, was es im Kanton Zürich bereits gibt – und wo es noch hakt.
Da es sich um eine grosse und bekannte Firma handelte, habe ich nicht gross nach Ablauf und Gebäude gefragt. Ich dachte mir: Wenn sie schon eine Veranstaltung zur Arbeitsintegration von Menschen mit Behinderungen organisieren, werden sie wohl vorbereitet sein!
Am Tag der Veranstaltung kam eine Nachricht von den Organisatoren: «Du, Jahn, wir haben gerade festgestellt, dass du mit dem Warenlift hochfahren musst – das Gebäude ist leider nicht so barrierefrei.» Ich dachte nur: «Geil, mal wieder Warenlift fahren! So richtig schön klischeebehaftet – machen wir.» Natürlich war ich da schon leicht genervt.
Als ich ankam, informierte mich die Person auch noch, dass das Rollstuhl-WC im anderen Gebäude ist. Da hat es in mir angefangen zu gären. Sie fragten mich, wie sie mich vorstellen sollen – als Moderator? Oder Podcaster? Oder als Verantwortlicher Inklusion beim Kleintheater Luzern? Da sagte ich: Nein, heute bin ich als Aktivist hier.
Der Moderator startete das Podium mit einer Frage: «Jahn, du als selbst betroffene Person, warum harzt der Einstieg in den ersten Arbeitsmarkt?» Meine Antwort war, dass dieser Anlass das perfekte Beispiel ist. Man redet über Menschen mit Behinderung, aber ich wusste sofort, dass hier kein Einziger mitgeplant hat. Nach 5 Minuten hätte ich schon sagen können, dass das kein Ort ist für Menschen mit Behinderung. Dementsprechend war ich auch der Einzige mit einer sichtbaren Behinderung.
Genau diese weichen Faktoren werden nie thematisiert. Wäre diese Marketingfirma bereit, mir je eine Viertelstunde für den WC-Gang zu bezahlen? Wenn man von vier täglichen Toilettenbesuchen ausgeht, ist das eine Stunde Hin- und Herfahren pro Tag. Das macht doch kein Arbeitgeber! Aber dann heisst es wieder, man könne sich nicht an die Gegebenheiten anpassen… Bis ich morgens rund um das Gebäude im Büro wäre, würde ich schon mit 15-20 % weniger Energie starten als meine Arbeitsgspänli. Das wird nie thematisiert – einfach nicht. Das Problem wird dann auf Menschen mit Behinderung geschoben. Unter dem psychischen Druck, dann überhaupt noch Leistung zu bringen, wird in der Gesellschaft nie diskutiert.
Es geht aber noch weiter. Als Vorbild wurde eine Personalvermittlung genannt, über welche ein grosser Digitalhändler Personen mit Behinderung für Reparaturarbeiten einstellt. Der Beauftragte hat mich gleich wieder hässig gemacht, als er meinte, «wie herzig und wie schön diese Begegnungen seien». Da habe ich mich kurz geräuspert und ihn darauf hingewiesen, dass «herzig» das falsche Wort ist für eine Diskussion zu Arbeit und Menschen mit Behinderung. «Herzig» ist nicht auf Augenhöhe.
Diese Institution arbeitet viel mit Menschen mit Burnout oder psychischen Problemen. Viele im Publikum hatten Berührungspunkte dazu. Der Beauftragte bestätigte, dass sie Menschen mit Burnout Zweitarbeitsmarktlöhne bezahlen. Da wandte ich mich ans Publikum: «So schnell ist die Linie überschritten in den zweiten Arbeitsmarkt!» Das war ein Realitätscheck.
Damit war klar: Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht beim Thema Behinderungen. Diese Situation hat mich nicht so belastet, ich konnte mich in die richtige Stimmung bringen und den Klaus Kinski in mir wecken. In dem Moment konnte ich das – aber wenn ich sonst emotional ergriffen bin, wird mir oft vorgeworfen, es werde ja viel gemacht, es sei ja ein Prozess.
Wir haben aber einen Arbeitskräftemangel in der Schweiz, und die Schweiz kann es sich erlauben, 1,8 Millionen Menschen nicht in diesen Prozess einzubinden. Der Leidensdruck scheint nicht so gross zu sein, wenn immer noch gesagt wird, «es ist halt schwierig…».
Wenn weitere Krisen dazukommen, zeigt sich die wahre Haltung der Gesellschaft. Läuft alles gut, sind wir akzeptiert. Kollabiert das System auch nur leicht, kann man auf die Randgruppen plötzlich verzichten – wir werden als Laster gesehen.
In stabilen Phasen lässt sich leicht sagen: «Wir haben doch so viel für die Inklusion getan.» Doch das funktioniert nur, solange die Verhältnisse günstig sind. Gerät das System unter Druck, hat plötzlich eine kleine, unnatürlich selektive Gruppe das Sagen. Das muss man sich bewusst sein.
In der aktuellen politischen Lage werden Inklusion und Diversität dank Social Media und der Vielfältigkeit nie wieder ganz verstummen. Die nächsten Jahre werden aber wieder harziger als die letzten zwei. Deshalb investiere ich sehr viel in Beziehungsarbeit, in Zuhören und Erfahrung.
Es gibt diesen bekannten Satz: «Man erkennt die Stärke einer Gesellschaft daran, wie sie mit Randgruppen umgeht.» Ich würde hinzufügen: «… im Krisenfall.» Im Normalzustand sind wir zwar nicht gewollt, aber akzeptiert. In Krisen sind wir gar niemand.
Während Corona kam die Frage auf bei der Triage. Nur schon, dass wir das überhaupt überlegen mussten. Meine Kolleg:innen mit Muskelschwund und Atembehinderung hatten Angst, was passieren wird, wenn sie in der Intensivstation neben einem 25-jährigen Cis-Dude liegen. Das ist nicht passiert, aber nur schon das Schreckgespenst lässt tief blicken.
Vor der nächsten grossen Krise müssen wir lernen, dass nur eine diverse Gesellschaft stark ist. Wir müssen alle am grossen Tisch sein, um Lösungen zu präsentieren. Das muss jetzt passieren, damit wir klare Abläufe haben, bevor das System gestresst ist und wir das unter Druck machen müssen. Es geht nicht nur darum, alles durchzudeklinieren, sondern auch eine klare Haltung zu formulieren, an der wir uns – wenn es zählt – festhalten können. Eine Haltung erarbeiten wir nur durch Auseinandersetzung – nicht verkopft, sondern über Beziehungsarbeit. Das geht auch besser in ruhigen als in angespannten Zeiten.
Jahn Graf
