Krisen kenne ich aus meinem Heimatland, dem kurdischen Teil des Irans. Dort hatten wir diverse wirtschaftliche und politische Krisen – eigentlich Krise als Dauerzustand. Und ich habe irgendwie gelernt, beziehungsweise lernen müssen, damit umzugehen.
Als ich 2008 in die Schweiz flüchtete, kam ich als Sans-Papier, ohne Rechte oder Arbeitserlaubnis. Ich fühlte mich ausgeschlossen aus der Gesellschaft. Vom Sozialamt gab es einen Coop Gutschein von 10 CHF pro Tag. Mit dem Coop Gutschein effizient umzugehen, war extrem schwierig für mich. Coop war für mich sehr teuer. Und ich habe damals mit zwei Mitbewohner:innen aus Äthiopien und Eritrea zusammen geschaut, wie wir am besten einkaufen, damit wir genügend Lebensmittel für eine Woche hatten. Manchmal hatte ich kleine und grosse Wünsche, wie z.B. ein schönes Fahrrad zu kaufen oder einen Deutschkurs zu besuchen, aber das konnte ich mir einfach nicht leisten.
Wirtschaftlich war es also anstrengend für mich. Die eigentliche Herausforderung war allerdings für mich – und ich denke auch für die meisten Sans-Papiers – die gesellschaftliche Integration. Da hatte ich einfach sehr grosses Glück. Ich habe eine hellere Haut und habe wohl auch deswegen weniger (offenen und versteckten) Rassismus in der Schweiz erfahren, wie viele andere Sans-Papiers, die ich kenne. Was mir auch sehr geholfen hat, war, dass ich immer sehr offen, lernbegierig und neugierig war. Ich habe mich früh für die Schweizer Geschichte und Kultur interessiert.
Von den zivilgesellschaftlichen Angeboten für Geflüchtete, wie z.B. von Hello Welcome und vom Sentitreff, habe ich auch profitiert. Bei den Angeboten habe ich ganz verschiedene Leute aus unterschiedlichen Kulturen kennengelernt. Irgendwo dort ist dann auch die Idee und der Mut entstanden, eine Ausbildung zur Gruppenleiterin mit Sprachförderung anzufangen. Den Job habe ich dann gerne einige Jahre gemacht und festgestellt, dass ich sehr gerne mit Menschen aus anderen Kulturen bin – dass es viel Kraft braucht, aber mir auch ganz viel Energie gibt.
Deshalb habe ich dann entschieden, noch eine Ausbildung als Gemeindeanimatorin / soziokulturelle Animatorin zu beginnen. Diese Ausbildung macht mir sehr viel Spass. Ich genieße jede Minute in der Berufsschule, weil ich mich in verschiedenes Fachwissen mit unterschiedlichen Menschen vertiefen kann. Auch bin ich viel mit den Sorgen und Ängsten der jungen Generation verbunden. Das hilft mir selber, auf meine Lebenssituation nochmal anders zu schauen. Und gibt mir viele neue Ideen für Projekte, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt voranzubringen und mit Krisen nochmals ganz anders umzugehen.
