Ich bin gleichzeitig Ukrainer, Weissrusse und Russe. Der Krieg in der Ukraine hat nicht nur mein Privatleben verändert. Er hat mir auch gezeigt, wie eng globale Krisen miteinander zusammenhängen.
Als ich in der Schweiz ankam, erkannte ich schnell, wie selbst in diesem friedlichen Land der wirtschaftliche Druck zunahm. Die Preise steigen, vor allem für Lebensmittel.
Das Leben mit einem kleinen Budget in einem abgelegenen Dorf macht es noch schwieriger, über die Runden zu kommen. In der Stadt haben die Menschen mehr Möglichkeiten, Lebensmittel zu teilen, in grösseren Mengen einzukaufen oder Unterstützung von anderen zu bekommen. Im Dorf sind die Möglichkeiten begrenzt.
Ich muss kreative Wege finden, um über die Runden zu kommen. Food Sharing wurde wesentlich, um zu überleben und mich anzupassen. Anfangs fühlte ich mich unwohl, mich darauf zu verlassen. Bald merkte ich aber, dass viele Menschen – Einheimische und Flüchtlinge – sich nicht nur aus finanziellen Gründen an Food-Sharing-Netzwerken beteiligen. Sie tun es auch, um Abfall zu reduzieren und Kontakte zu knüpfen. Ich begann, Food-Sharing-Apps zu nutzen und an Orte zu gehen, wo Supermärkte und Bäckereien überschüssige Lebensmittel spenden. Damit schone ich mein Budget und komme gleichzeitig in Kontakt mit anderen.
Diese Erfahrung veränderte meine Perspektive. In der Ukraine war ich es gewohnt, alles zu kaufen, was ich brauchte, wann immer ich es brauchte. Hier muss ich meine Mahlzeiten nach dem planen, was verfügbar ist. Ich habe gelernt, mit den Zutaten, die ich bekomme, kreativ zu kochen. Ich finde Solidarität bei anderen, die ähnliche Probleme haben. Wir tauschen Rezepte und Spartipps aus, und tun uns gegenseitig etwas zu Liebe – manchmal stellt mir jemand eine Tüte Gemüse oder Brot vor die Tür, weil die Person weiss, dass ich sie brauchen kann.
Mit der Zeit wurde mir klar, dass es beim Überleben einer Krise nicht nur um finanzielle Mittel geht – es geht darum, sich anzupassen, Kontakte zu knüpfen und eine neue Art zu leben. Trotz der Schwierigkeiten habe ich gelernt, widerstandsfähig zu sein. Das Dorf isoliert mich zwar manchmal, aber ich finde da auch Momente der Ruhe. Beim Foodsharing geht es nicht nur ums Essen – es geht darum, dass Menschen zusammenkommen, sich gegenseitig unterstützen und beweisen, dass man gemeinsam selbst in den schwierigsten Zeiten etwas bewirken kann.
Ich habe es geschafft, Sprachprobleme und Mobilitätshindernisse zu überwinden um so hoffentlich schneller eine gute Arbeit zu finden. Dabei habe ich etwas Schönes entdeckt: Die Natur in der Schweiz ist leicht zu erreichen. Hätte ich ein Generalabonnement, könnte ich für nur 10 Franken pro Tag durchs ganze Land fahren – sogar in sehr abgelegene Gegenden.
Ich weiss noch nicht, was die Zukunft bringt, aber ich weiss, dass es überall Wege gibt, Herausforderungen zu meistern. Und manchmal erinnert mich etwas Einfaches wie ein geteiltes Brot daran, dass ich nicht allein bin.
Serhii
