Nach eher oberflächlichen Gesprächen an einem Abend mit Bekannten sagte ein Kollege plötzlich, er habe Mühe mit dem «Gender-Zeug». Sofort dachte ich an die Frauen in Afghanistan. Ich erklärte ihm, dass diese absolut keine Rechte mehr hätten, und dass mich das sehr betroffen mache.
Ein anderer meinte dann, er höre als Lastwagenfahrer viel Radio. Bei Berichten aus anderen Ländern schalte er jeweils gleich um. Er wolle das nicht mehr hören, er sei froh, in der Schweiz zu wohnen – aber das alles gehe ihn nichts an. Wir müssten auf uns selber schauen.
Das hat mich so geschockt, dass ich nichts sagen konnte. Danach war ich über mich selber schockiert, dass ich in dem Moment nichts gesagt hatte. Irgendwann später meinte ich zu ihm: «Gell, das belastet dich, deshalb magst du es nicht hören.» Er sagte: «Ja, ich will es nicht mehr hören. Wir leben jetzt hier, die leben dort – es geht um uns, nicht um die anderen.»
Da merkte ich, wie ich an meine Grenzen stiess. Ich wollte ihn nicht gleich verurteilen. Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, mich für Menschen einsetzen zu wollen, denen es auf dieser Welt nicht gut geht.
Ein weiterer Kollege griff ein und meinte, die Situation könne einen ja trotzdem betroffen machen, auch wenn man nichts tun könne. Damit legte es sich wieder ein bisschen.
Der Mann, der das mit dem «Gender-Zeug» gesagt hatte, ist ein lieber Kollege, der alles für mich machen würde. Deshalb hat es mich so erschüttert. Ich hätte erwartet zu hören, es mache ihn ohnmächtig und hilflos, und manchmal könne er es nicht mehr ertragen. Nie wäre ich darauf gekommen, dass er sagen würde, er sei glücklich, hier zu sein, und alles andere gehe ihn nichts an.
Da habe ich mich gefragt, ob das nur eine Einzelperson ist oder ob viele so denken? Das Miteinander beschäftigt mich. Ich glaube, wir könnten gemeinsam mehr erreichen, als wenn alle nur auf sich selber schauen.
Am Anfang der Corona-Zeit habe ich das auch so erlebt. Damals hat man füreinander eingekauft und vieles organisiert. In unseren Dörfern entstand eine schöne Dynamik. Der Frauenverein hatte eine Telefonnummer eingerichtet für Menschen, die etwas brauchten. Wir hatten Fahrdienste organisiert. Das alles brach weg, als die verschiedenen Ansichten zu den Massnahmen aufkamen. Das war schade.
Frau aus Wauwil–Egolzwil
